Der "kleine Mann" ist ein beliebter Zeitgenosse in Wahlkämpfen. Kandidaten und Parteien scheinen ihn stets persönlich zu kennen; sie scheinen zu fühlen, was er fühlt; sie scheinen zu wissen, was er will. In den USA kennt man den kleinen Mann wahlweise als „common man“ oder Joe Sixpack. Dieser Stellvertreter des „small town America“ ist heilig und unangreifbar, repräsentiert er doch das, wofür die Vereinigten Staaten (vermeintlich) stehen: Patriotismus, Gemeinsinn und Bodenständigkeit.
Barack Obama weiß, dass er nichts gewinnen und alles verlieren kann, wenn er diese heilige Kuh des Wahlkampfes kritisiert. Er hat es dennoch getan, weit weg vom ländlichen Amerika, auf einem Fundraiser in San Franscisco, der Hauptstadt des liberalen Amerika. Auf die Frage eines Geldgebers, warum er in Pennsylvania Schwierigkeiten habe, weiße Wähler aus der Arbeiterschicht für sich zu gewinnen, sagte Obama den folgenschweren Satz, der sich bereits als „Bittergate“ in die Terminologie dieses Wahlkampfes eingeschlichen hat. Er bezeichnete Kleinstädter in Pennsylvania als verbitterte Menschen, die sich aus ökonomischer Unsicherheit heraus an Waffen, Religion und xenophobe Ideen klammern würden. Kein unwahrer Satz, politisch allerdings ein höchst inopportuner.
Hillary Clinton brauchte deshalb auch nicht lange, um Barack Obama für seinen rhetorischen Ausfall zu kritisieren. Sie, die sich in Pennsylvania gerade als religiöses Kleinstadt-Kind mit Liebe zu Waffen ausgibt, bezeichnete den jungen Senator aus Illinois als elitär und entrückt von der Basis. In einem neuen TV-Spot lässt Clinton das „small town America“ selbst zu Wort kommen. Im sog. „man-on-the-street“-Design sprechen Bürger direkt in die Kamera, um sich über Obamas Aussagen zu mokieren und ihren kleinstädtischen Lebensstil zu verteidigen:
Auch John McCain wartete nicht lange, um die Chance zu ergreifen, die ihm Obama geboten hatte. Ähnlich wie Clinton kritisierte er Obama als elitär und „out of touch“ mit dem Mainstream Amerikas. Immer stärker wird die Angriffslinie deutlich, die die Republikaner gegen Obama fahren könnten. Sie würden ihn als Harvard-Snob darstellen, der zwar schön reden kann, aber hinter seinen blumigen Auftritten verbirgt, dass er den Amerikanern eine Links-außen-Agenda überstülpen will, die entrückt ist von der Lebenswirklichkeit der Menschen. John Kerry lässt grüßen.
Heute Abend treffen sich Obama und Clinton in Philadelphia zu einer weiteren TV-Debatte. Es wird interessant zu verfolgen sein, wie sich Obama gegen die Vorwürfe Clintons wehrt, ob er in die Offensive geht, ob er sich beim fiktiven kleinen Mann nochmals für seine Aussagen entschuldigen wird. Neueste Umfragen zeigen, dass Obama bisher kaum an Zustimmung einbüßen musste. Vorsicht ist aber geboten: Solche Dinge brauchen in der Regel vier bis sechs Tage, um sich im Bewusstsein der Wähler zu verankern. Wahrscheinlich werden wir erst am 22. April (Vorwahltag in Pennsylvania) wissen, ob die Kontroverse Obama geschadet hat.
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