Exakt drei Jahre nach dem verheerenden Wirbelsturm Katrina trifft nun wieder ein Hurrikan die Küste Louisianas. „Gustav“ bringt nicht nur das Leben der ca. 2 Millionen Menschen durcheinander, die vor dem Sturm geflohen sind, sondern auch den Terminkalender der Republikaner.
Oberflächlich betrachtet ist „Gustav“ ein Desaster für John McCain. Zum einen ist die Choreographie des Parteitages in St. Paul völlig durcheinander geraten. Es sollte eine große Show werden. Kameraeinstellungen, Redebeiträge, Zeremonien, sie alle waren minutiös geplant. Keiner weiß zurzeit, wie der Parteitag ablaufen wird. Der erste Tag ist zumindest schon einmal zusammengestrichen worden.
Zum anderen weckt Hurrikan Gustav natürlich Erinnerungen an das Desaster vor drei Jahren, als Katrina die Dämme New Orleans zum Bersten brachte und mehr als 1.800 Menschen ihr Leben verloren. Auch wenn die lokalen und einzelstaatlichen Behörden vor Ort einen erheblichen Anteil an der Katrina-Misere hatten, so ist die Krise doch bis heute das Symbol für die Inkompetenz George W. Bushs und seiner Administration. Sie war der Anfang vom endgültigen Vertrauensverlust zwischen dem amerikanischen Volk und seinem Präsidenten.
Auf den zweiten Blick kann der Wirbelsturm John McCain aber politisch nützen. Erstens war der politische Haudegen einer der größten Kritiker der Bush-Administration, als sich zeigte, wie schlecht die Hilfe für die Menschen vor Ort organisiert war. McCain zeigte damals viel Mitgefühl, er hat die Region aber auch während seines jetzigen Wahlkampfes schon intensiv bereist. Das erhöhte seine Glaubwürdigkeit, als er am Wochenende nach Louisiana kam, um sich ein Bild von der Lage im Krisengebiet zu machen. McCain gab eine Pressekonferenz, die schon fast den Eindruck vermittelte, er sei bereits der Präsident der USA, der die Sicherheit der amerikanischen Bevölkerung sicherstellen wollte.
Zweitens: Reagiert McCain richtig auf den Sturm, richtet er seine Nominierungsrede an den konkreten Sorgen und Nöten der Menschen in der Hurrikane-Zone aus, schafft er nationalen Zusammenhalt, steht er über der Parteipolitik, dann bestätigt er seine Kampagnenbotschaft des „America First“. McCain hat die Chance zu zeigen, dass es ihm um das Wohl des Landes geht, um politisches Zupacken und nicht um die Show. So würde Barack Obamas perfekter Parteitag als oberflächliche Krönungsmesse wirken, seine eigene Nominierung hingegen als handfestes politisches Problemlösen mit einem großen Schuss Empathie.
Drittens nimmt der Sturm McCain den Druck, eine ebenso gute Rede abliefern zu müssen wie Obama. In einer Woche wie dieser geht es nicht um Rhetorik, sondern um handfeste Politik. Auch wird Gustav der Politnovizin Sarah Palin helfen. In den ersten zwei Wochen nach der Bekanntgabe wäre jedes Wort der Vizekandidatin auf die Goldwaage gelegt worden. Die Presse hätte viele mediale Fallen aufgestellt, in die der Neuling sicher das ein oder andere Mal hinein getreten worden wäre. In der jetzigen Situation kann sich die Gouverneurin jedoch als das darstellen, was sie ist. Eine bodenständige Krisenmanagerin.
Viertens erlaubt es „Gustav“, dass George W. Bush und Dick Cheney nicht auf dem Parteitag sprechen werden. In einer Zeit, in der die Umfragewerte der beiden Regierungschefs gegen null tendieren, ist dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil. McCain und Palin wollen sich als Reformer und nicht als Status-Quo darstellen. Ohne Bush geht das sicherlich besser.
Alles in allem muss der Hurrikane kein politisches Desaster für die Republikaner sein. So zynisch diese Feststellung auch sein mag: Wenn sie es richtig angehen, dann wird „Gustav“ sogar zum Erfolgsgehilfen für das Duo McCain/Palin.
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