Kampagnen sind Kämpfe um Konstruktionen. Sie sind verdichtete Beschreibungen, es geht um das pointierte Argument, nicht um endgültige Wahrheiten. Das zeigt einmal mehr John McCain. Auf dem Parteitag scheint er eine passende – Theoretiker würden sagen „viable“ - Konstruktion gefunden zu haben. Zusammen mit seiner neuen Vize-Wunderwaffe Sarah Palin geriert er sich in den letzten Tagen konsequent als Reformer und Washingtoner Außenseiter. Der selbst ernannte "Maverick" bezeichnet das Milieu, in dem er selbst seit über 26 Jahren gewirkt hat, als „old, do-nothing crowd.“ Auch Brückenbauer zwischen den beiden politischen Lagern will McCain sein. Er denkt sogar offen darüber nach, mehrere Demokraten in seine zukünftige Administration zu holen.
Reform, Brücken bauen …? Auf diese Themen hatte Barack Obama doch bereits sein Patent angemeldet. McCain ist das egal. Gezielt versucht er, Obamas Stärken zu dekonstruieren, indem er sich - mit viel Chuzpe - selbst den Mantel des Reformers überstülpt. Bisher ist er damit erstaunlich erfolgreich, trotz konservativem Mainstream-Programm und 90 Prozent Zustimmungsrate zu Bushs Politik.
Der Kampf um das Schlagwort des Jahres ist eröffnet. Es geht um Change, Change, Change… Was das heißt, halten beide Kandidaten sehr vage. Obama genauso wie McCain.
Interessant ist, dass Obama – im Gegensatz zu McCain - ein handfestes Programm für einen echten Wandel hätte. Universelle Krankenversicherung, grundlegende Reform der Zuwanderung, Ende der Bush-Steuerkürzungen für Reiche, konsequentes Umsteuern bei Klima und Energie. Der junge Senator scheint aber erstaunlich zögerlich, diese Punkte selbstbewusst zu vertreten. Einmal mehr lässt er sich vom republikanischen Wohlfühl-Patriotismus-Kleinstadt-Werte-Wahlkampf in die Ecke drängen.
Dazu passen die neuesten Umfragen. Laut Washington Post ist Obamas Vorsprung nach dem Parteitag komplett weg geschmolzen. Er liegt denkbar knapp mit 47 zu 46 Prozent vor McCain. Andere Umfragen von CBS und NBC zeigen den alten Haudegen sogar mit zwei Prozent vor Obama.
McCain hat Rückenwind. Keine Frage. Der Grund dafür ist aber nicht unbedingt seine intensivierte Reformrhetorik, sondern ganz schlicht und einfach Sarah Palin. Bei weißen Frauen hat McCain in den letzten Tagen ein Defizit von acht Prozentpunkten in einen Vorsprung von zwölf Prozent umwandeln können. Die selbst ernannte „hockey mom“ bringt den Wandel. Zumindest in den Umfragen.
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