John McCain hat lange gebraucht, um eine klare Angriffslinie gegen Barack Obama zu finden. Viele Wochen verstrichen, bis McCains koordinierte Attacken starteten. Attacken, die wir schon viel früher erwartet hatten. Denn die lockere Leitmaxime der Republikaner geht in etwa so: Definiere den Gegner nach Deinen eigenen Regeln und zwar so schnell wie möglich!
Diese Strategie wird seit dem Wahlkampf George W. Bushs gegen John Kerry mit dem schillernden Verb „swift boating“ umschrieben. Damals war es eine Gruppe dubioser Vietnam-Veteranen, die sog. „Swift Boat Veterans for Truth“, die Kerrys heroische Militärzeit in Vietnam massiv in Zweifel zogen. Da diese Attacken weitgehend unbeantwortet blieben, schafften es die Republikaner, John Kerrys Stärke – der Dienst für das Vaterland - in eine Schwäche zu verwandeln und ihn als elitären, unpatriotischen Gesellen darzustellen.
Ähnliches passiert nun mit Obama. Es geht diesmal nicht um Vietnam, aber wieder um eine Menge Halbwahrheiten. John McCain, der noch zu Beginn des Hauptwahlkampfes eine zivile, respektvolle Kampagne versprochen hatte, schlägt mittlerweile erbarmungslos auf Obama ein; mit allem, was man in der Trickkiste der Gegnerbeobachtung finden kann.
Seine Strategie: McCain möchte das Rennen zu einer Personenfrage zwischen ihm und Obama machen. Das ist schlau, denn so isoliert er den Wahlkampf von Negativstimmungen gegenüber der Republikanischen Partei und ihrem unbeliebten Präsidenten. McCain fährt die alte Taktik der Swift Boater auf. Er macht Obamas persönliche Stärken –Charisma, Wandelrhetorik, positiver Stil – ganz einfach zu Schwächen. Mit viel Chuzpe und SEHR verdichteten Argumenten.
Im Juli hatte McCains Team – allen voran sein neuer Kampagnenleiter Steve Schmidt – endlich ein Thema gefunden, mit dem sie dem jungen Senator aus Illinois beikommen konnten. Obama hatte die Schraube der Hyperinszenierung mit Auftritten vor 75.000 Zuhörern in Oregon und 200.000 Menschen in Berlin zu weit gedreht.
McCains Team nutzte diese Gelegenheit, um Obama als elitären Superstar darzustellen, der gottgleich über den Problemen der Menschheit schwebte, der aber mit dem Alltag des Durchschnittswählers nicht mehr viel zu tun hatte. Sie stilisierten ihn zum egomanischen Halbgott und Schönredner. Der amerikanische Held McCain betonte hingegen einfach nur sein handfestes „America First“.
Noch haarsträubender. Obama war angetreten, um einen positiveren Ton im Wahlkampf anzuschlagen. Er wollte Schluss machen mit der Negativität, mit dem Hin und Her von Anschuldigung und Gegen-Anschuldigung. Als er sich dann doch einmal zu persönlicher Kritik an Sarah Palin hinreißen ließ, spielten die Republikaner sofort das Unschuldslamm und fragten pathetisch: Was ist bloß mit der Politik der Hoffnung passiert?
Oben drauf packten die McCain-Leute einen Schuss alte Kampfrhetorik gegen die Linksliberalen im Land. Obwohl Obama in den Umfragen ein Kompetenzvorsprung bei den dringlichsten Problemen des Landes – Energie, Wirtschaft, Arbeitsplätze – bescheinigt wird, dreschen sie mit den alten Slogans auf ihn ein: Obama will Euch die Steuern erhöhen, er will Euch zum Knecht der Bürokratie machen, er will Euch in Eure weiße Kleinstadt-Werte-Welt hineinregieren.
Das kleine Ein-Mal-Eins des Schmutzwahlkampfes. Hier ist es aufgeführt. Durch diese Schläge unter die Gürtellinie hat McCain gute Chancen, sich am Ende gegen den derzeit um Fassung ringenden Obama durchsetzen können. Aber es bleibt die Frage: „What happened to the good, old, fair McCain?”
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